
-AUTORIN-
SUSANNA ERNST
MILCHKAFFEE

Nein, die Hand, die der Junge umklammerte, war zu groß und zu schwer. Er strich vorsichtig darüber, mit nur einem Finger, den er mit aller Kraft beugte und wieder streckte – und der sich dennoch nur wenige Millimeter bewegte. Nun, zumindest reichte es aus, um die Schwielen und Risse zu fühlen, die seine Hoffnung zusätzlich drückten. Sie passten einfach nicht. Natürlich war auch die Hand seiner Mutter rau und schwielig – die Arbeit in der Fabrik war hart – aber nein, diese Hand gehörte nicht zu ihr. Sie war … zu männlich.
Vati, dachte er und bemühte sich umso heftiger, die Augen zu öffnen. Doch irgendetwas hielt seine Lider geschlossen.
Warum durfte er nicht erwachen? Er wollte wissen, wer seine Hand hielt, wer da neben ihm saß. Denn tief in seinem Unterbewusstsein brodelte bereits die Gewissheit, dass es auch nicht der Vater sein konnte. Aber so sehr der Junge sich auch bemühte, seine Augen blieben zu. Und nicht nur das. Auch die Geräusche, die ihn umgaben, klangen dumpf und viel zu weit weg. Sie bauschten sich auf und ebbten schon wieder ab, bevor er sie zu fassen bekam. Nur Fetzen, Bruchstücke.
Das schwache Husten eines Mannes, die energische Stimme einer Frau. Er fragte sich, warum er ihre Stimme hörte und doch nicht verstand, was sie sagte. Wieder sackte er ein Stück tiefer, wurde schwerer.
Und wieder schimmerte das Bild des Engels auf. Es war das Motiv des Ölgemäldes, das einst über seinem Bett gehangen hatte. In der alten Wohnung, die es nun nicht mehr gab. Nur sehr wenige Erinnerungsstücke hatten sie aus den Trümmern geborgen, noch weniger mitgenommen. Das geliebte Bild des Schutzengels, das der Junge an jedem Abend vor dem Einschlafen betrachtet hatte, war zurückgeblieben.
Doch nun sah er seinen Engel wieder. Mit blasser Hand winkte die himmlische Gestalt den Jungen heran und forderte ihn auf, ihr zu folgen. Wortlos lockte sie mit dem Versprechen auf Erlösung, auf immerwährende Wärme und mit einem verheißungsvollen Licht, aus dem sie selbst geschaffen zu sein schien. Doch in Gedanken schüttelte das Kind heftig den Kopf und stützte voller Trotz die Hände in die Hüften. Nein, sein Platz war nicht im Himmel, zumindest noch nicht. Das konnte der Junge seinen lieben Eltern nicht antun. Das Lächeln des Engels war mild und nachgiebig. Schließlich nickte er und winkte wieder. Aber diesmal war es eine andere Geste. Diesmal war es ein Abschied. Der Engel ging … und das Kind durfte bleiben. Weiterleben.
Kälte krabbelte durch den kleinen Körper, von den Zehen bis zu den Haarwurzeln überrollte sie den Jungen, und dahinter lag – leise und noch kaum mehr als eine Ahnung – der Schmerz. Da lauerte er also doch. Der Junge hatte bisher vergeblich auf ihn gewartet; nun war er sich sicher, er würde kommen.
Helles Licht verschmolz mit dem Engel, schluckte ihn. Sein liebes vertrautes Gesicht, umrahmt von den goldblonden Locken, wurde durch ein anderes, viel düstereres Bild ersetzt.
Erbarmungslos plötzlich lösten andere Bilder den Traum ab und versetzten den Jungen erneut in Schock.
Er sah sich nun selbst – in einer Erinnerung, die noch so jung war. Auf hartem Boden liegend, blickte er an sich herab. Sah den Daumen seiner linken Hand, der nur noch durch einen dünnen, fransigen Hautfetzen mit dem Rest seiner Hand verbunden war. In einer Art Reflex hatte er ihn an seinen Platz zurückgedrückt und angepresst, als könnte er ihn auf diese Weise wieder fixieren. Doch sobald er losließ, klappte der Daumen leblos zurück und gab erneut den Blick auf Muskeln und Sehnen frei. Das Blut lief über seinen Unterarm und die Finger. Einem endlosen Faden gleich, floss es auf das Kopfsteinpflaster unter ihm. Wie dunkel es war …
Der Junge sah weiter an sich herab, erblickte seinen rechten Fuß, der in dem Strumpf hing und, als er sein Bein anhob, darin hin und her baumelte wie das Gewicht an einem Pendel.
Gestank umgab ihn. Ein widerlicher Gestank nach verbranntem Fleisch. Mit jedem Atemzug sog er ihn ein. Sein Magen zog sich zusammen und bitter schmeckender Speichel sammelte sich in seinem Mund. Von weit her drangen die Rufe eines Mannes an sein Ohr. Auch ein Kleinkind weinte irgendwo, doch das hörte er kaum, so leise war das Geräusch hinter dem Rauschen und Fiepen in seinen Ohren. Zwei Männer kamen, der eine alt, der andere ein Ausländer. Sie schienen ihn etwas zu fragen, aber der Junge antwortete nicht. Teilnahmslos sah er ihnen zu, als sie mit bloßen Händen einen leeren Kohlesack zerrissen und sein Bein abbanden.
Auch ihre Hände waren schwielig gewesen.
Das erinnerte ihn wieder an die Finger, die er noch immer umklammerte. Reglos und schwer lagen sie in seiner Hand. Zu groß. Erneut versuchte der Junge seine Augen zu öffnen. Wieder scheiterte er.
Doch da drückte nichts auf seine Lider, das spürte er nun. Er war einfach zu schwach. Aber warum? Hatten sie ihn schon operiert? Der Mann mit den unzähligen Schweißperlen auf der Stirn hatte ihm doch gerade erst diesen ekligen Lappen auf Mund und Nase gedrückt.
Der Junge wunderte sich, wie stark er das Schlagen seines eigenen Herzens spürte. Dann bündelte er seinen Willen, fuhr in Gedanken seinen kompletten Körper entlang, über die rechte Lende, den Oberschenkel, sein Knie. Hinab, bis zu seinen Zehen. Er hielt die Luft an und kniff die Augen noch fester zusammen. Wenn er sie schon nicht öffnen konnte …
Langsam krümmte er seine Zehen. Es ging; er spürte jeden einzelnen. Erleichtert atmete er aus und versank dabei noch etwas tiefer in der durchgelegenen Matratze.
Seinen Daumen hingegen spürte er nicht. Die gesamte Hand war taub, nach wie vor. Er glaubte zu seufzen, aber es war mehr ein Wimmern, das sich seiner Kehle entrang. Ein großer rauer Daumen strich über seinen Handrücken. Eine Reaktion auf den Laut, den er von sich gegeben hatte?
Wieder wurde ihm bewusst, dass er keine Ahnung hatte, zu wem diese Finger gehörten. Unwillkürlich schwebten seine Gedanken zu den Menschen, die er liebte.
Ob die Mutter ihn wohl verhauen würde? Er wusste, wie sehr sie sich um ihn sorgte, und er bereute, ihr solchen Kummer bereitet zu haben. Ihr Bauch war schon sehr rund geworden. Das neue Kind würde bald kommen. Ende Juni, Anfang Juli, hatten sie gesagt. Weniger als drei Monate. Er hoffte sehr auf einen Bruder, denn mit den drei Schwestern war nicht immer leicht Kirschen essen.
Der Junge hatte seinem Vater vor dessen Abreise fest versprochen, sich gut um alle zu kümmern und artig zu sein. Schließlich war er nun schon neun Jahre alt. Der Zweitälteste, nach Christel.
„Nun bist du der Mann im Haus“, hörte er die Stimme seines Vaters und spürte noch einmal die große Hand auf seiner Schulter, den festen Druck.
Sicher würde die Mutter sehr wütend auf ihn sein.
Wenn er nur die Schuhe mitgenommen hätte, dann wäre für Versöhnung gesorgt gewesen. Zumindest hätte sie das sanfter gestimmt und seine Strafe vermutlich gemildert.
Doch als die Männer ihn in die alte Kinderkarre gehoben hatten, beachteten sie seine Rufe gar nicht. Im Laufschritt schoben sie ihn über das holprige aufgeworfene Pflaster. Die Karre quietschte und knarrte unter ihm, und er erwartete fast, dass sie jeden Moment vollständig auseinanderbräche. Schließlich war er viel zu groß. Doch sie hielt.
„Meine Schuhe! Ich will die Schuhe für meinen Vater mitnehmen. Ich habe die Fliegeruhr meines Onkels dafür eingetauscht!“, brüllte er.
Aber niemand beachtete ihn.
Mitten auf einer großen Straßenkreuzung stand ein Panzer. Breit und bedrohlich, wie ein Symbol der Macht und des Sieges. Ein Fahrzeug der Feinde, der Amerikaner.
Seit einigen Tagen waren sie auch in Erfurt; inzwischen hatte sich die Stadt ergeben. Heute war es erstmals zu keinen neuen Kämpfen gekommen und an vielen Fenstern hingen weiße Handtücher, Schürzen, Bettlaken, Kissenbezüge, manchmal sogar nur Taschentücher, als Zeichen der Kapitulation. Langsam und voller Verunsicherung krochen die Menschen aus ihren Luftschutzkellern und Bunkern. Es gab keine Radioberichte, aber die Nachricht verbreitete sich schnell von Mund zu Mund, und obwohl es die Kunde einer enormen Niederlage war, spiegelten die Gesichter der Bürger dabei vor allem eines wider: tiefe Erleichterung.
Der Junge begriff das alles nicht so recht. Aber auf diese Art – lauschend, was die Erwachsenen so munkelten – erfuhr er schon bald, dass die Amerikaner die Wehrmachts- und Kriegsbestände an Lebensmitteln und Textilien zur kostenlosen Entnahme für die Erfurter Bevölkerung geöffnet und freigegeben hatten. Er konnte kaum glauben, was er da hörte, doch wirklich, kaum war er den wachsamen Augen seiner Mutter entwischt und auf die nächstgrößere Straße gerannt, eilten die Menschen mit vollen Armen an ihm vorbei … und er war einfach immer weitergelaufen. Staunend, der Quelle entgegen. Jeder trug soviel er nur konnte. Lebensmittel wie Mehl und zentnerweise Zucker wurden gekarrt, Kleidung und Schuhe geschleppt, Kisten voller Chlorodont-Zahnpasta. Sogar Beutel mit Puddingpulver erkannte das Kind, als ein Mann an ihm vorbeihastete.
Unmöglich, sich an die Weisung der Mutter zu halten – so strikt die auch gewesen sein mochte –, wenn man nichts im Magen und das Schlaraffenland direkt vor Augen hatte. Der Junge lief und lief.
Vor über einem Monat waren die Brot-, Nährmittel- und Fettzuteilungen an die Bürger noch einmal erheblich gekürzt worden und seitdem hatte er eigentlich ständig Hunger. Auch an diesem Vormittag des 13. April 1945 knurrte sein Magen lautstark.
Freitag, der Dreizehnte.
Mit Aberglauben hatte er nichts am Hut. Also beschloss er, sein Glück zu versuchen und sich seinen Teil des Kuchens auf eigene Faust zu sichern. Und wer weiß, vermutlich wäre er der gefeierte Held der Familie geworden, hätte seine Mission einen glücklicheren Ausgang gefunden.
„Wenn der Hund nicht geschissen hätt’, hätt’ er den Hasen gekriegt“, hatte die derbe Stimme seines Großvaters in seinen Ohren widergehallt, während ihn die fremden Männer in einer rostigen Kinderkarre durch die Stadt schoben, bis sie den feindlichen Panzer erreichten. Dort bremsten sie abrupt ab, und die Karre kam unter einem bedrohlichen Ächzen zum Stillstand.
Ein Riese stellte sich den Männern und dem verletzten Jungen in den Weg. Breitbeinig, in Uniform. Mit einem Gewehr, dessen Griff er fest umklammerte. Der Junge hatte zu ihm aufgesehen und zuerst das grelle Licht dafür verantwortlich gemacht, dass er den Riesen wie einen Scherenschnitt wahrnahm.
Schwarz vor Weiß.
Doch dann beugte sich der Mann zu ihm herab … und blieb genauso schwarz wie zuvor. Der Junge erstarrte.
Noch immer verspürte er weder Angst noch Schmerz, doch nun wusste er sicher, dass er sterben würde. Nicht an seinen Verletzungen – zum Verbluten würde ihm vermutlich nicht mal mehr Zeit bleiben. Nein, der finstere Blick des Kannibalen vor ihm ließ keinen Platz für Zweifel. Die wulstigen Lippen fest aufeinandergepresst, schüttelte der Schwarze den Kopf und murmelte Worte einer fremden Sprache. Dann richtete er sich wieder auf und redete aufgebracht auf die beiden Männer ein. Als die ihn nur ratlos und ängstlich ansahen, wandte er sich ab und rief etwas, das wie eine Frage klang.
„Krankenhaus“, brüllte eine Männerstimme mit einem eigenartigen Akzent zurück. Das Gesicht zu dieser Stimme bekam der Junge nicht zu Augen. Der Kannibale wandte sich erneut den Männern zu.
„Where is the next Krankenhaus?“, fragte er und seine Stimme klang dabei, als steckte sie tief in seiner Kehle fest. Er deutete auf einen LKW mit offener Ladefläche, der direkt neben dem feindlichen Panzer stand.
Die Männer nickten.
Der Kannibale hob das schockgefrorene Kind aus der Karre und legte es über seine Schulter. In diesem Moment floss die erste Träne über die Wange des Jungen. Niemand bemerkte es, doch nun – ganz schlagartig – hatte er furchtbare Angst.
Der ältere der beiden Männer, die seine Verletzungen notdürftig versorgt hatten, hievte sich umständlich auf die Ladefläche des LKWs, der neben dem Panzer stand. Der Schwarze hob den Jungen zu ihm empor, als wöge er nicht mehr als ein Kaninchen. Der Junge war erstaunt, als sich der uniformierte Kannibale hinter das Lenkrad setzte und selbst fuhr.
Können die Wilden so etwas?
Dies war zwar der erste Neger, den er in Natura sah, aber er fühlte sich nicht unwissend. In seinem Wilhelm Busch Buch gab es einige Kannibalen, die genauso aussahen wie dieser Mann hier. Abgesehen von den Ringen, die ihre Nasen schmückten und den Knochen, die in ihren krausen Haaren verknotet waren. Obwohl … Vielleicht versteckte sich dieses Markenzeichen ja unter dem Helm, den der fremde Soldat trug?
Der ältere Mann hielt den Jungen fest in seinem Schoß, redete von Zeit zu Zeit beruhigend auf ihn ein und versuchte dabei konzentriert, die harten Schläge, die durch die Fahrt auf der zerstörten Straße unter ihnen ausgelöst wurden, abzufangen. Mit ausladenden Gesten und lauten Rufen erklärte er dem Fremden den Weg. Immer wieder blitzten die dunklen Augen des noch dunkleren Mannes im Rückspiegel auf. Sein wütender Blick jagte dem Jungen eine Gänsehaut über den Körper.
Als sie ankamen, wurde er wieder dem Kannibalen überreicht.
Verrat, durchzuckte es ihn. Wieso überließ der Deutsche ihn dem Feind? Was war denn nur los an diesem verflixten Tag, an dem alles auf dem Kopf stand und rein gar nichts mehr richtig zu sein schien?
Der Schwarze wartete keine Sekunde. Er spurtete sofort los, wobei er mit der einen Hand den losen Fuß des Kindes festhielt.
Noch immer spürte der Knabe keinen Schmerz, auch wenn die riesige Hand des Mannes sofort blutüberströmt war. Es tropfte an seinen Fingern herab.
Der Junge sah über die breite Schulter zu dem LKW zurück, auf dessen Ladefläche der Alte stand und ihm mit sorgenvoller Miene nachblickte. Eine dunkelrote Spur markierte den Weg, den der Kannibale bereits hinter sich gebracht hatte. Doch das Kind war von dem Anblick seines in den Asphaltrissen versickernden Blutes nicht schockiert. Zumindest nicht bewusst. Stumm verfolgte er die Spur bis zu ihrer Quelle. Dabei fiel ihm nur auf, dass die Handinnenfläche des Schwarzen an den wenigen nicht benetzten Stellen fast so hell war wie seine eigene.
Diese Erkenntnis wiederum erinnerte den Jungen an seinen abgeklappten Daumen. Er versuchte ihn zu bewegen, doch die Hand war taub.
Im Eingang des großen Hauses roch es nicht gut.
Gemischt mit dem rauchigen Gestank, der seiner Kleidung anhaftete, legte sich der seltsame Geruch schwer über seinen Magen … und ließ ihn sich zusammenziehen. Der Knabe würgte und würgte, doch es kam nichts. Schade. Vielleicht hätte das dem Menschenfresser den Appetit verdorben.
Langsam wurde das Kind müde. Obwohl ihn seine innere Stimme warnte, dass es verheerend sein könnte das Bewusstsein zu verlieren, ergab sich der Junge der wohltuenden Schwere. Sie umfing ihn zunehmend und presste ihn immer tiefer in die Arme des Fremden.
Seine Augen fielen zu.
„Help!“, rief der riesige Mann, der ihn hielt. „Help!“
Kurz darauf klackerten eilige Schritte über die Fliesen des kahlen Gangs. „Oh Gott, ein Kind!“, rief eine Frau. „Schnell!“, sagte eine andere, dicht an seinem Gesicht. Er spürte ihren Atem und sog ihn gierig ein, weil er wesentlich angenehmer roch als die Luft in diesem Gebäude.
Man legte ihn ab, und der Junge spürte verwundert, dass er geschoben wurde. Ein Bett auf Rollen. Im Hintergrund hörte er die Frauenstimmen, doch er vernahm nur noch vereinzelte Wortfetzen ihres hektischen Dialogs.
„Die Hand … unzählige Splitter … der Fuß … hoffentlich nicht zu spät … der Ami …“
Wo ist der Kannibale? Warum hat er mich in ein Krankenhaus gebracht? Will er mir denn gar nichts antun?
Der Junge begann zu zittern. Er war so müde. Dennoch konnte er nicht schlafen, denn in seinem Kopf, der nach wie vor erstaunlich klar funktionierte, schwirrten hundert Fragen und Rätsel. Außerdem war ihm kalt. Furchtbar kalt. Und der innere Frost wurde immer mächtiger, dehnte sich von Sekunde zu Sekunde weiter aus. Die Brust des Schwarzen war hart gewesen, aber warm. Fast wünschte sich der Knabe in die starken Arme des Fremden zurück. Jetzt erst bemerkte er die schweren Schritte an seiner Seite. Eine tiefe kehlige Männerstimme murmelte Worte in einer Sprache, die er nicht verstand.
Währenddessen strich eine flinke Hand die Haare aus seiner Stirn zurück. Federleicht. Eine der Frauen. „Armer Kleiner!“ Dann erklang plötzlich die Stimme eines deutschen Mannes. „Zerschneiden Sie die Hose und den Strumpf, Schwester! Schnell, man hat ihm das Bein nicht kräftig genug abgebunden!“ Jemand tätschelte die Wange des Kindes. „Junge! Sieh mich an, Junge!“, forderte der Mann. Der Knabe öffnete die Augen und wurde sofort geblendet. Eine kleine Lampe schwenkte direkt vor seinem Gesicht hin und her. Das Licht zog lange Schlieren hinter sich, die sich nur langsam auflösten und nichts weiter als eine tiefe Dunkelheit hinterließen.
„Beeilen Sie sich, er verliert zu viel Blut“, zischte der Mann. Als sein Gesicht aus der Dunkelheit auftauchte und das Kind ihn endlich klar erkennen konnte, bemerkte es die Schweißperlen auf der faltigen Stirn. Sie glitzerten wie tausend kleine Diamanten. Der Junge hatte noch nie etwas Schöneres gesehen. Wie Tau am Morgen.
Silbrige Haarsträhnen fielen in das runzelige Gesicht des Mannes, als er sich ruckartig abwandte. Frauenfinger strichen die Haare zurück und fingen sie mit einer Haube ein. Ein Mundschutz folgte. Für einen Moment waren nur noch blassblaue Augen sichtbar, bis die große Hand des Grauhaarigen zurückkam … und mit ihr ein feuchter Lappen, der wirklich widerlich roch. Die Hand legte sich über Mund und Nase des Kindes. Eine Frau sprach dicht am Ohr des Jungen und streichelte seinen Kopf.
„Wir operieren dich jetzt, mein Kleiner. Du wirst nichts spüren, und wenn du aufwachst, ist schon alles vorbei. Schlaf jetzt …“
Das waren die letzten Worte, die er klar gehört hatte.
Dann wich die eisige Kälte aus seinem Körper, und er wurde in eine nie gekannte Tiefe gezogen. Angstfrei, ohne Schmerzen. Der Engel aus seinem alten Bild hatte ihn schließlich empfangen und kurz begleitet. Nur für wenige Sekunden, wie es schien.
Jetzt, nach dem Abschied des Engels und dem Wirbelsturm der noch so frischen Erinnerungen, spürte der erwachende Knabe erneut die geballte Kraft der Kälte. Sie klomm in ihm empor und überrollte ihn wie eine Welle. Er zitterte. Seine Zähne schlugen heftig aufeinander. Ein weiteres Wimmern wurde laut, und er begriff, dass es sein eigenes war.
Die rauen Finger, die bisher nahezu reglos und viel zu schwer in seiner Hand gelegen hatten, schlossen sich um seinen Unterarm und streichelten ihn sanft dort, wo man den Puls ertasten konnte. „It’s alright. Everything’s gonna be alright, you’ll see.“
Die Worte klangen weich und fest zugleich. Obwohl er sie nicht verstand, spürte der Junge den Trost in der Stimme des Mannes.
Der Kannibale!
Die Panik setzte Kraftreserven frei; nun schossen seine Augen auf. Er blickte dem Schwarzen direkt ins Gesicht.
Der schien sich fast ein wenig zu erschrecken. Doch dann, nach nur wenigen Sekunden, in denen der Junge seinen Blick aufrechthielt und ohne zu blinzeln in das erstarrte Gesicht des Fremden blickte, verzog sich dessen Mund. Die dicken Lippen teilten sich und gaben den Blick auf eine perfekte Zahnreihe preis. So weiße Zähne hatte der Junge noch nie gesehen. Menschenfresser-Zähne, dachte er, bevor ihm klar wurde, dass der schwarze Mann neben ihm lächelte. Seine braunen Augen waren freundlich und sanft, Tränen schimmerten in den äußeren Winkeln. Der Griff seiner Hand war fest. „Thank God!“, murmelte er.
Es klang wie ein kleines Stoßgebet.
In diesem Moment wusste der Junge, dass von dem Mann keine Gefahr ausging. Und dann fiel es ihm auf: Der Helm des Fremden lag auf dessen stämmigen Oberschenkeln. Sein kurzes Haar sah tatsächlich sehr kraus aus. Der Junge kniff die Augen zusammen, denn seine Sicht war noch etwas getrübt und verschwommen, als läge ein nebliger Schleier vor seinem Gesicht. Auch das Zittern, das mittlerweile seinen gesamten Körper erfasst hatte, war nicht gerade hilfreich. Doch so angestrengt er seinen Blick auch fokussierte, er wurde nicht fündig.
„Kein Knochen“, murmelte er mit bleischwerer Zunge. Sein Hals war trocken und schmerzte ziemlich arg. Trotzdem war es nicht mal der Hauch einer Vorahnung auf den geballten Schmerz, der ihn so bald schon überwältigen würde.
Es waren die ersten Worte, die der Junge sprach, nachdem ihn die Zündung einer Panzerfaust aus seinem bisherigen Leben gerissen hatte.